Was für ein Morgen!

Von Christoph Amend

ZEITmagazin Newsletter 04.05.2020

 

Guten Morgen, willkommen zu unserer Sonderausgabe, die wir vor zwei Monaten (wirklich wahr) gestartet haben, um Kulturschaffenden eine Bühne zu bieten – in Zeiten, in denen die meisten Bühnen geschlossen bleiben müssen. Vielen Dank für Ihre Vorschläge, die uns weiterhin erreichen. Heute lesen Sie die Empfehlungen der Künstlerin Oskar Rink. Sie ist 39 Jahre alt und wohnt in Leipzig.

Eigentlich sollte Oskar Rink gerade in einer zweimonatigen "artist in residency" in Havanna und später in Lissabon sein – ist natürlich inklusive aller anstehenden Ausstellungen abgebrochen worden. Zurzeit verbringt sie die meiste Zeit in ihrem Atelier in Leipzig, und findet es gut, wie sie es formuliert, "sich auch manchmal produktiv zu langweilen". Das ist übrigens Oskar Rink und das sind ihre Empfehlungen:

Was liest Du?

Ich habe mich auf die Reise begeben. Sie kennen das vielleicht. Bereits gelesene Bücher sind wie einst besuchte Orte in sich selbst. Eine Zeitmaschine in litteris sozusagen. Mit Nick Hornbys Slam und High Fidelity bin ich in den letzten Tagen in meine Teenjahre zurückgekehrt, in denen ich Platten hortete, BootCut mit Bauchfrei trug und Skater hot fand. Die ewige Betty sozusagen. Ich konnte richtig spüren, wie ich wieder dazugehören wollte, Gruppenzwang für den Coolnessfaktor. Ein noch undefiniertes Ich in einem subkulturellen Mikrokosmos mit ungeahnt großen Fragen. Hashtag planlos, but cool. Oranges are not the only fruit von Jeanette Winters führte direkt weiter zu angestaubten aber existentiellen Fragen zur eigenen Sexualität, auf die ich glaube, nun eine Antwort zu haben. Glauben als eindeutiger Zweifel. Ein alter Zweifel, ob ich die Dehnbarkeit meiner eigenen Gelüste nicht unterschätze. Ob es hier je einen eindeutigen Zustand geben kann oder ob dieser nicht viel mehr von der selbstgewählten kläglichen Wahl an Möglichkeiten bestimmt wird. Aber bevor ich darüber zu lange nachdenke – in dem Vakuum einer Kontaktsperre, hole ich mir lieber die benötigte Realitätsklatsche ab: David Foster Wallaces This-is-Water-Rede für den Abschlussjahrgang des Kenyon College 2005. Ein Muss für jeden, der vergessen hat, wofür es dankbar zu sein gilt. Ganz neu und doch von gestern erreicht mich das Graphic Novel von Ken Krimstein Die drei Leben der Hannah Arendt. Nicht nur, dass mich der Wechsel zwischen einem scheinbar hingerotzten und doch zielsicheren Zeichenstrich begeistert, der so gut ihre Zerstreutheit und Willenskraft spiegelt. Krimsteins Darstellung der Hannah vermag Schweres in Leichtes zu packen. Und als Hannah Albert Einsteins Frage nach dem Sinn des Lebens mit "Geworfenheit" beantwortet, der Tatsache also, dass wir keine Wahl haben hier zu sein, fühle ich mich bestätigt darin, jeden Tag das zu tun, wozu ich fähig bin. Und zu hoffen, dass es ein gutes Ende nimmt, auch wenn da die Sache mit dem Tod noch wäre.

 

Was siehst Du?

 

Auch zum Thema Film bin ich in die Vergangenheit gereist, was daran liegt, dass ich keinen Fernseher besitze und das WLAN mir zu Anfang der Krise seine Unterstützung verweigerte. Also musste die alte DVD-Sammlung herhalten. Manche mögen's heiß, Victor/Victoria, Avanti Avanti, My Fair Lady, Tootsie, The Birdcage, Breakfast on Pluto und Laurence Anyways. Ich hege einen Faible für Verwechslungskomödien und Filme, in denen Darsteller aus Lust oder Not in die Rolle des anderen Geschlechts schlüpfen. Das Nachahmen mithilfe von Crossdressing, glaubhaft oder als Persiflage, hat mich schon früh fasziniert. Zu groß ist der eigene Wunsch hinter Masken zu verschwinden und im Fummel aufzuerstehen. Der Mann in mir würde gern einmal richtig Weib sein und das kleine Mädchen einmal Macho. Auf jeden Fall empfinde ich diese Art der Filme nicht nur als lebensbejahend mit ihrer immer währenden Alles-ist-möglich-Aussage. Sie animieren mich auch meinen Kleiderschrank zu durchwühlen und mir für die nächste Zoom-Party eine neue Persönlichkeit zuzulegen. Nobody is perfect!

Was isst Du?

Ich habe noch nie so viel eingekocht wie in diesen Tagen. Dabei hielt ich von vorausschauender Haltbarmachung bisher nicht viel, aber diese Farben im Glas (ungläubiges, bewunderndes Kopfschütteln). Ansonsten Kaffee.

Was bringt Dich zum schmunzeln?

 

Ich bin diese Person, mit der niemand öffentlich befreundet sein möchte. Die, die all diese Tiervideos anklickt. Alle. Mit lachenden Lamas und listigen Lurchen. Ich sitze im Bett und quieke vor Vergnügen oder seufze im Restaurant leise vor mich hin, weil das Schweinchen an der Eule leckt. Mein dreibeiniger Windhund Borris schaut mich dann oft höchst verwirrt an. Es ist ein ewiger Kreislauf aus Flauschigkeit und Entzücken. Spätestens, als mein Ex mir zum Welt-Elefantentag gratulierte, wusste ich, es ist ernst. Die Nebenwirkungen variieren von stiller Glückseligkeit bis: "Jetzt kaufe ich einen Bauernhof!" Mit beidem lässt sich gut leben.

Photos © Max von Treu

© 2020 Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG

 

© 2020 Oskar Rink